Residenz – Phase 3

Phase 3: Gewöhnung

Steffisburg und ich kennen uns jetzt schon eine Weile. Aus Vertrautheit wird Routine. Wir haben uns aneinender gewöhnt. Die Zeit vergeht, die Aufregung des ersten Kennenlernens ist verflogen und ich drehe meine gewöhnlichen Runden. Entlang der Zulg, mal bis zur Zulgbrücke, mal nur an der Badi entlang. Mal zum Einkauf im Hofladen, mal bis zum Sunneshynweg. Ich habe mich festgetreten auf den Wegen, die ich mag, von denen die Aussicht schön ist, die die Ruhe bieten, die ich suche.

Mittlerweile sind mir auch die Menschen vertraut, meine Nachbarn, die ich fast alle mit Namen kenne, die Verkäuferinnen in der Migros, die Menschen, die ihre Hunde täglich spazieren führen. Das freudige Kreischen der Ferienkinder in der Badi schallt mir auf dem Heimweg entgegen, das Stockhorn grüßt. Auch die umliegenden Berge kenne ich mit Namen. Jeder Tag gleicht ein bisschen dem anderen. Die Zeit vergeht langsamer, dehnt sich aus. Alle Hektik weicht und ich beginne langsam zu verstehen, woher die Ruhe und Gelassenheit kommt, für die die „langsamen“ Berner Oberländer in der Schweiz berühmt berüchtigt sind. Zunächst weiß ich nicht, wie ich mit dieser Gleichförmigkeit produktiv umgehen soll. Wo sind sie die Geschichten, die erzählt werden wollen? Ich beschließe mich noch einmal genauer umzuschauen, neue Orte und Wege zu entdecken. Und siehe da, plötzlich fällt mir eine Hinweistafel auf, die ich bisher auf meinem täglichen Weg zu meinem Atelier nicht wahrgenommen hatte. Hier beginnt der Mühlebachweg und ich beschließe ihm zu folgen. Und plötzlich lerne ich wieder etwas Neues über Steffisburg, das ich fälschlicherweise glaubte schon bestens zu kennen. Wo heute fast ausschließlich Wohnhäuser stehen, blühte entlang des Baches das Handwerk. Ob Schießpulver, Gewürze, Leder, Öle oder Mehl, Tuch oder Baumaterial aus Holz, dank der Wasserkraft des Baches wurden all diese Güter hier hergestellt. Und die größte Überraschung: Betty Bossi kommt aus Steffisburg! Bis zur Aare folge ich dem Weg und lerne, abgesehen von der historischen Dimension, die sich mir offenbart, auch in anderer Hinsicht noch einmal eine andere Seite von Steffisburg kennen. Mir kommt es so vor, als ob die alte Dorfstruktur in den Hintergrund tritt. Ich meine die Nähe zu Thun zu spüren, der Ort mit den hier dominierenden, neu gebauten Einfamilienhäusern besitzt eher Agglomerationscharakter. In Bahnhofsnähe quere ich gar eine Zufahrtsstraße, die mit ihren Tunneln und mehreren Spuren fast schon an eine Großstadt erinnert. Steffisburg wird für mich mehr und mehr ein Ort mit verschiedenen Gesichtern.

 

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