Residenz – Phase 1

Wie freundet man sich mit einem Ort an?
Phase 1: Physische Nähe suchen


Am Anfang einer Begegnung steht immer die erste Wahrnehmung des jeweils Anderen. Das veränderte Sehen dringt dabei zuerst ins Bewusstsein. Grüne Wiesen, Bäume, Berghänge direkt vor dem Wohnzimmerfenster, wo vorher zwar auch ein Baum, aber vor allem bunte Häuserfronten waren. Hier Weite, dort enge Straßenschlucht. Des Weiteren fallen neu ins Auge: vor allem Kühe. Mehr Kühe als Menschen. In diesem Moment wird mir die Stille bewusst. Stille, wo vorher Lebendigkeit — Lachen, Singen, Schreien, Unterhaltung, Verkehrslärm — in den Ohren klang. Hier spüre ich in der Stille vor allem meine eigene Lebendigkeit. Ich atme tief ein. Die Luft schmeckt und riecht anders. Nicht vordergründig nach den Kühen, sondern vor allem nach Blüten und Kräutern. Und nach feuchtem Wald. Die frische Luft fühlt sich anders an auf meiner Haut. Als ob meine Zellen neu belebt werden. Da ist sie wieder die Lebendigkeit.

Es ist gar nicht so leicht, sich an einen anderen Ort zu verpflanzen und dann plötzlich voll und ganz da zu sein. Sich an die neuen Wahrnehmungen zu gewöhnen. Aber die erste Begegnung mit Steffisburg ist vielversprechend und ich merke, dass ich diesen Ort näher kennenlernen, es nicht bei der ersten Begegnung belassen will.
Also beginne ich zu laufen. Nach Osten, Westen, Süden, Norden. Bergauf, bergab. Auch eine neue Wahrnehmung: die Oberschenkel brennen ein bisschen beim Spazieren gehen. Eine neue Art den Körper zu spüren. Es tut gut. Ich möchte es fast als Willkommensgeschenk verstehen.

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